Es ist ein nasskalter Januartag, als der ehemalige Gemüseproduzent Filipp Fässler vor zehn Jahren auf der Wiese unterhalb der Schulanlage Wildenstein den Erdbohrer ansetzt. In vier Reihen mit einem Abstand von sieben Metern bringt er 151 gegen zwei Meter hohe Edelkastanien der Sorten «Marigoule» und «Marsol» in den Boden. Zwei Sorten sind nötig, weil Edelkastanien Fremdbefruchter sind. Schon ein Jahr später konnte er ein paar wenige Kilo Marroni ernten. In den vergangenen zwei Jahren waren es im Schnitt bereits beachtliche 1,3 Tonnen.
Seine Edelkastanien sind heiss begehrt. So produziert die Rorschacher Molkerei Fuchs beispielsweise aus einer Tonne davon 40’000 Becher Joghurt für die Migros. «Die Nachfrage ist enorm, die Marronijoghurts sind jeweils innert zwei Monaten ausverkauft», sagt Dominik Fuchs. Bei der heimischen Molkerei freue man sich riesig, mit Produkten arbeiten zu können, die nah und lokal produziert würden. Ein Selbstläufer ist die Marroniplantage nicht. Damit Ernten mit derartigen Erträgen möglich sind, muss die Plantage das ganze Jahr über aufwendig gepflegt werden. Beim Schnitt der Bäume wird der mittlere Trieb forciert und die seitlichen Äste werden gestutzt, damit die Bäume Stabilität erhalten. Fässler muss auch konstant gegen die Mäuseplage ankämpfen, denn Mäuse lieben die Wurzeln der jungen Bäume und verputzen sie sozusagen als Dessert. Fässler blickt optimistisch, aber nicht ohne Sorgenfalten, in die Zukunft. Nicht nur immer extremere Wetterkapriolen, sondern auch Diebstähle bereiten ihm Kopfzerbrechen. Zu Beginn wurden Jungbäume vom Feld gestohlen, nun bedienen sich dreiste Diebe bei den Früchten.
Marronibäume kommen sich in die Quere
Richard Hollenstein von der Fachstelle Obstbau des Kantons St.Gallen hat die Entwicklung der Marronibäume in der Bleichi von Beginn an beratend begleitet. Die Bereitschaft von Fässler, nicht nur auf Ertrag, sondern auch auf Diversität zu setzen, ist mit ein Grund für sein Interesse. «Wir konnten bereits viele Erkenntnisse sammeln und können diese einfliessen lassen, wenn jemand anderenorts ein Marronifeld anlegen möchte.» So spazieren denn auch regelmässig Gruppen von Frauen und Männern von landwirtschaftlichen Betrieben aus der Ostschweiz durch den Kastanienhain und lassen sich von Fässler und Hollenstein vor Ort über die Möglichkeiten im Anbau von Marroni informieren.
Ein stetes Lernen ist es auch für den heimischen Marronipionier. Im vergangenen November war er dabei zu beobachten, wie er 35 stattliche Kastanienbäume mit der Kettensäge fällte und aus der Plantage entfernte. Er sagt, bei einem Abstand von sieben Metern würden die Bäume mit den Ästen ineinander wachsen, wodurch diese Bereiche nicht befruchtet würden. Es ist nicht die einzige Erkenntnis, die er im Laufe der Jahre gewonnen hat. So habe er die Bäume zu tief über dem Boden Äste entwickeln lassen, weshalb er nicht mit dem Traktor durchfahren könne. Er hat die Plantage daher nicht nur ausgelichtet, sondern auch die untersten Äste entfernt, um die maschinelle Arbeit zu erleichtern.
Besser an das Schweizer Klima angepasst
Fässler hat bisher fünf Sorten getestet, wobei sich Bouche de Bétizac als sein Favorit herauskristallisiert hat. Diese Sorte hat eine höhere Krankheitsresistenz sowie eine frühere Fruchtreife. Eine andere Eigenschaft freut ihn besonders: Bouche de Bétizac lässt im Herbst zuerst die einzelnen Kastanien zu Boden fallen und nicht den ganzen Igel, was die Ernte immens erleichtert. Diese Edelkastanie stammt ursprünglich aus Frankreich, doch jene Exemplare, die Fässler vor wenigen Tagen in der Bleichi dazu gepflanzt hat, sind am Zürichsee gross geworden. Rolf Blapp betreibt im Wädenswiler Ortsteil Au seit 25 Jahren eine Baumschule und ist spezialisiert auf Kastanienbäume. Im Feld mit Blick auf den Zürichsee wachsen dort mehrere Tausend Marronibäumchen. «Die Marroni von hier sind besser an das Schweizer Klima angepasst. Sie wurden nicht im Topf getrieben und hatten Zeit, sich zu entwickeln», so der Kastanienspezialist. Er sagt, die Nachfrage nach Kastanienbäumen sei in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Als Grund dafür sieht er die höheren Temperaturen, die der Klimawandel mit sich bringe.
Fässler, der in der Vergangenheit auch schon erfolgreich Honigmelonen angebaut hat, bestätigt dies nicht nur, er reagiert auch entsprechend, indem er auch Kiwi, Feigen, Pflaumen, Kaki und Tee anpflanzt. «Ob die Kulturen funktionieren, weiss ich nicht. Ich bin selbst sehr gespannt, wie sich die Sache entwickelt.»
Früher auch im Norden weit verbreitet
Die Edelkastanie (Castanea sativa) wächst in der Schweiz nicht nur auf der Alpensüdseite. Auch auf der Nordseite gibt es einzelne oder in kleinen Hainen versammelte Exemplare, etwa in Murg am Walensee. Bevorzugt wachsen Edelkastanien im Wallis, im Chablais, oberhalb von Morges am Genfersee und im Tessin. Die Edelkastanie stammt aus der Türkei und wurde von den Römern ins Tessin und auf die Alpennordseite gebracht. Im Mittelalter waren Edelkastanien weit verbreitet: Flurnamen wie Kestenholz oder Chestenwald deuten darauf hin. Mit dem Einzug von Kartoffeln und Reis verlor die Edelkastanie im 19. Jahrhundert ihre Bedeutung als Nahrungsmittel.