Wer mit offenen Augen durch Rorschacherberg spaziert, entdeckt blühende Wiesen, Schlösser, Wälder, Kastanienhaine und grossartige Sonnenuntergänge. Doch welche Flora und Fauna verbirgt sich unter Wasser? Ein Tauchgang beim Hörnlibuck liefert spannende Einblicke. Nach der langen Hitzeperiode wuchern Laichkräuter und Seegras in der Bucht so üppig wie seit Langem nicht mehr. Hohe Temperaturen und viel Licht begünstigen das Pflanzenwachstum. Hinzu kommt der ungewöhnlich tiefe Wasserstand des Bodensees. Während sich Bootsfahrer über das hochwachsende Grün ärgern, eröffnen sich für Taucherinnen und Taucher ganz neue Welten.
Die Sicht ist in diesem Sommer allerdings eingeschränkt und wird erst in grösserer Tiefe klarer. Das ist ein Grund, weshalb vor allem im Winter zahlreiche Taucherinnen und Taucher in der südlichsten Bucht des Bodensees anzutreffen sind. Nach der warmen Jahreszeit gibt es weniger Algen und Schwebeteilchen im Wasser; die Sicht verbessert sich dann zunehmend und kann im Winter bis zu 20 Meter betragen. Tino Dietsche, von dem die Fotos für diesen Fokusbeitrag stammen, taucht am liebsten in der Dunkelheit. «Kaum wird es Nacht, beginnt im Bodensee die Jagd. Egal ob Aal, Hecht oder Egli: Immer wieder wird nach Futter geschnappt und die Beute verfolgt – auch wenn sie nicht immer im Magen endet», beschreibt er die Faszination von Nachttauchgängen.
Schwebegarnelen tummeln sich in der Bucht
Im flachen, bewegten Wasser prägen Sand und Steine den Seegrund am Hörnlibuck. Jungfische fühlen sich dort besonders wohl; Eglis können dabei erstaunlich neugierig werden. Wo der Grund langsam abfällt, beginnt niedriger Pflanzenbewuchs, gefolgt von einem dichten Band höherer Gewächse. Bei den aktuellen Wassertemperaturen reichen Laichkräuter und Armleuchteralgen bis an die Oberfläche. Sie bieten Lebensraum und Nährstoffe für Algen, Bakterien und Pilze. Zwischen den Pflanzen verstecken sich junge Hechte, auch Grashechte genannt, und lauern auf Beute. Tagsüber sind sie kaum auszumachen, nachts werden sie im Licht der Taucherlampe sichtbar. Grössere Hechte stehen häufig über den Pflanzen. In diesem Jahr sind zudem vermehrt grössere Eglis zu beobachten. Mit etwas Geduld lassen sich auch Krebse entdecken.
Neben Eglis, Welsen, Zandern, Karpfen, Schleien, Barben, Aalen und Krebsen bevölkern auch beinahe durchsichtige, sechs bis elf Millimeter kleine Schwebegarnelen die heimische Unterwasserlandschaft. Die Ausbreitung der Schwebegarnele begann 2006. Die ursprünglich aus Gewässern rund um das Schwarze Meer stammende Art tritt heute im Bodensee in beachtlich grossen Schwärmen auf.
Quaggamuscheln nehmen den See in Beschlag
Die gebietsfremde Schwebegarnele steht bislang nicht in Konkurrenz zu anderen Tieren im Bodensee. Im Gegenteil: Die Entwicklung der Egli-Bestände hängt eng mit dem Vorkommen der Garnelen zusammen, denn sie dienen den beliebten Speisefischen als Nahrung. Grosse Garnelenbestände können deshalb auch die Vermehrung der Eglis begünstigen.
In grösserer Tiefe endet der Pflanzenbewuchs abrupt; der schlickig-sandige Seegrund dominiert. Dort werden auch die grossen Flächen sichtbar, die Quaggamuscheln besiedelt haben. Seit rund zehn Jahren breitet sich die Art massenhaft aus und verursacht erhebliche Schäden. Vor den bis zu 40 Millimeter grossen Muscheln ist kaum etwas sicher: Sand, Felsen, Holz und Metall sind dicht bewachsen. Die Quaggamuschel konkurriert mit zahlreichen anderen Arten und verschiebt dadurch das Nahrungsnetz – mit Folgen für das gesamte Ökosystem des Bodensees. Abgesehen von diesem Störenfried liefert der Tauchgang am Hörnlibuck jedoch einen eindrücklichen Beweis: Auch der See vor der Haustür birgt eine zauberhafte Unterwasserwelt.
Trocken tauchen
Für das Kaltwassertauchen im Bodensee ist deutlich mehr Ausrüstung nötig als in tropischen Gewässern. Statt eines bequemen, drei Millimeter dicken Shortys kommt im kalten Wasser meist ein sieben Millimeter starker Neoprenanzug zum Einsatz. Dabei wärmt allerdings nur die Wasserschicht zwischen Haut und Anzug; Nasstaucherinnen und Nasstaucher kühlen deshalb schneller aus. Für den Bodensee ist der Trockentauchanzug oft die bessere Wahl: Im «Trocki» bleibt der Körper trocken. Ein weiterer Unterschied betrifft die Atemregler und die Anschlüsse an der Pressluftflasche. Sie müssen kaltwassertauglich sein, damit sie nicht einfrieren. Mit reiner Warmwasserausrüstung in den Bodensee zu steigen, ist daher nicht ratsam.
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